Trolle

Der riesige Wald singt seine immerwährende Weise. Ein mit grauem Bart behangener, altersschwacher Baum stürzt krachend in die Wälder und liegt dort wie vom Wind gefällt zwischen neuen Schösslingen, neuen Bäumen. Die Jahreszeiten kommen und gehen, Sommer und Winter, Frühjahr und Herbst, in unabwendbarer Wiederholung. Hier herrscht die Ewigkeit. Im übervölkerten Europa stellt Norwegen nach wie vor ein Königreich der Natur dar. Tief in den schier endlosen Wäldern herrscht noch genau jene Ruhe wie vor Tausenden von Jahren. Dort in den Wäldern hat das moderne Leben keinerlei Bedeutung. In dieser Stille im Angesicht des mächtigen Rhythmus der Natur kommt sich der moderne Mensch, der seine Existenz in Stunden und Minuten misst, ziemlich hilflos vor.

Norwegen ist ein raues und stellenweise karges Land, dessen herbe Landschaft jedoch von einer seltsamen Faszination ist. Inmitten seiner dunklen Wälder mit den stillen, mondbeschienenen Seen, den tiefen, klaren Fjorden und den mächtigen, schneebedeckten Bergen liegt die Heimat der Trolle.
Dort leben die Trolle in ihrer Urform, in ihrer Urheimat. Der Troll ist norwegisch, der Naturgeist der norwegischen Wälder. Er ist nicht leichtfüßig wie der griechische Faun, der auf kahlen, sonnenüberfluteten Hügeln herumtollt. Nein, er ist schwerfällig, dunkel und überwuchert. Eine moosbedeckte, verrenkte Gestalt, die des Nachts umherstreunen oder wie versteinert nur dastehen. Er ist ein großer gehender Wald und Berg. Doch es gibt eine Vielzahl verschiedener Trolle. Einige von ihnen waren Riesen, andere wiederum waren von kleinem, zwerghaften Wuchs. Einige leben in Seen, andere im Schnee, oder sonst wo. Alle hatten jedoch lange, gebogene Knubbelnasen, an jeder Hand nur jeweils ein Daumen und drei Finger und an den Füßen auch nur je vier Zehen. Trolle watscheln und trotten, sie tapsen und walzen sich durch den Wald. Auch rollen sie sich gerne Steilhänge hinab anstatt zu laufen. Wirklich still sind Trolle nur selten, immer müssen sie vor sich hin brummeln oder anderen was zurufen, oder kreischen oder sonst wie Lärm erzeugen. Der Mensch aber bekommt von alledem fast nichts mit, da Trolle tagsüber kaum anzutreffen sind, sondern nur in der Nacht aktiv sind. Die meisten Trolle haben lange Schwänze mit einem dichtem Haarbüschel am Ende, einige haben nur ein Auge mitten auf ihrer faltigen, ledrigen Stirn, andere wiederum haben zwei oder sogar drei Köpfe. Es gibt Trolle auch mit bis zu neun Schwänze.

Sie verfügen über ein sehr gutes Seh-, Hör- und Geschmacksvermögen. Die Ernährung besteht aus Tieren aller Art und Pflanzen (vornehmlich Pilze, Beeren, Früchte).

Die Legende erzählt, dass die Trolle sehr, sehr alt werden können, meist zählten sie mehrere hundert Jahre. Es kann sogar sein, dass ein Troll nach dem Frühstück ein Nickerchen von mehreren hundert Jahren macht. Die meisten haben dichtes, zottiges Haar und sahen auf den ersten Blick sehr furchterregend aus. Gewöhnlich waren sie jedoch gutmütig und manchmal sogar fast ein bisschen einfältig.

Die Natur ist das Leben der Trolle und gleichzeitig ihre stäkste Verbindung. Sie entwickeln ein Gefühl für ihre Umgebung, das ausgesprochen intensiver ist als alles was Menschen kennen. So können sie alles, was in diesem Gebiet vor sich geht, fühlen, mehr noch, sie selbst sind mit das Gefühl dieses Waldes, oder der Wiese. Sie nehmen alles auf, jede Regung, jede Veränderung, jedes Gefühl des Waldes. Dabei ist erstaunlicherweise unwichtig, ob sie gerade geistig anwesend sind, oder schlafen oder träumen. Wenn also am anderen Ende ein Fuchs eine Maus tötet, so spürt das der Troll genauso wie wenn sich die Blätter der Bäume im Wind bewegen oder ein Wanderer herumläuft. Und wie bei einigen Menschen in etwas schwächerer Weise werden auch Trolle bei Gefahr von diesem Gefühl alarmiert. Bei manchen Trollen ist dieses Gefühl so ausgeprägt, dass sie nicht nur unbewusst alles spüren, sondern sogar direkt als ihr Gebiet handeln können. So kann der Troll Bäume umstürzen lassen, oder kleine Erdbeben erzeugen, oder Blätter rascheln lassen, nur um ihre Freunde zu helfen oder zu retten. Sie sammeln Futter für die Vögel im Winter, sie bereiten kuschelige Lagerstätten für die Bären und zaubern Schneeflocken zum Schmuck ihrer Haare bei Festen. Sie lagern Eicheln und Nüsse für die Eichhörnchen und befeuchten Spinnweben und auch kühle Sommerwinde mit Tautropfen. Sie gießen im Frühling die wilden Blumen, malen im Herbst die Blätter rot und gelb und verwandeln so die Wälder in ein Märchenland majestätischer Schönheit.

Das ist das wahre Wesen der Trolle. Nur sehr wenige haben sie jemals gesehen. Sie bewegen sich manchmal sehr schnell und elegant durch den Wald, verrichten ihre Arbeit mit liebevoller Vorsicht, um der Natur nicht zu schaden. Das gleiche erhoffen sie sich von den Menschen.
Wenn Trolle jedoch erzürnt wurden, oder die Menschen sich nicht an die Regeln der Natur hielten, war dieser Zorn oft unbändig und konnte verheerende Folgen haben. Daher ist es für die Menschen überaus wichtig, mit den Trollen gut auszukommen und sie nicht zu verärgern, denn nur dann sind sie den Menschen gleichermaßen wie der Natur ein verlässlicher Beschützer.
Trolle werden nicht geboren; sie sind plötzlich da. Auch ihr Sterben ist sehr mysteriös. Denn theoretisch können Trolle unendlich alt werden, auch wenn man es ihnen in der Regel nicht ansieht.

Trolle beschäftigen sich irgendwann mit dem Tod. Sie denken sich weg und sind so irgendwie dann verschwunden. Ob sie wirklich gestorben sind, ist unklar. Das Phänomen ist dass Trolle eventuell das Todesstadium wieder verlassen können.

Eine der größten Schwächen der Trolle ist Gold. Sie sammeln es in unterirdischen Höhlen und manchmal verliebt die ein Troll in ein Menschenmädchen mit wunderbaren, goldblonden Haar. Dann kann er vor lauter blinder Liebe große, schwere Fehler begehen. Er entführt das Mädchen und wie ein eifersüchtiger Ehemann sperrt er die Angebetete gleich einer Gefangenen in seine Hütte in den Bergen, wo nur er allein sie betrachten und ihre Schönheit bewundern kann.

Zeit spielt bei Trollen keine Rolle; manche sind so uralt, dass ihnen schon Bäume auf den verfilzten Haaren wachsen. Meistens sind die unheimlichen Gestalten während der dunklen Nacht unterwegs, denn beim Anblick des ersten Sonnenstrahls können sie platzen oder sich in Luft auflösen.

Wenn die Menschen einen Troll begegnen sollten, dürfen Sie ihn nicht beim Namen nennen; sonst wird er zu einem großen Felsblock erstarren.

Da die Trolle, die gemeinsam in einem Gebiet wohnen, viele gemeinsame Gefühle haben, sind sie untereinander sehr vertraut und bilden eine verschworene Gemeinschaft. Es ist unmöglich, dass sich Trolle ernstlich streiten, öfters dagegen werden Hasslieben gepflegt, denn Trolle lieben Schimpfen und Wortwettkämpfe. So sind ihre Zusammenkünfte trotz allem Geschimpfe und Geschrei doch ausgesprochen harmonisch und geprägt von einem Gefühl der Zufriedenheit und der Freude, dass sie wieder zusammen sind. Regeln sind unter Trollen nicht notwendig, ihr Zusammenleben ist ziemlich chaotisch. Trolle lieben das Chaos und die Unordnung ebenso wie Paradoxa und Widersprüche. Trolle leben sehr gesellig. Sobald es dämmert und es im Wald düster wird, kommen die Trolle zurück und das Nachtleben beginnt. Fast jedes Gebiet hat einen bestimmten Versammlungsort, etwa eine Bergkuppe oder eine größere Lichtung, wo sich alle dann versammeln und fast jeden Abend gibt es dort große Feste.

Zum einen treffen sich die Trolle dort, um einfach nur zusammenzusein mit gleichen ihrer Art, sie sitzen und trinken und essen zusammen, meist um ein Lagerfeuer herum, aber auch in den Bauen und Höhlen ringsum, oder in den Baumnestern. Es wird gesungen, sogar getanzt, viel geredet und palavert und diskutiert und gebrüllt und gerülpst und geprustet, so ein Fest ist immer ziemlich chaotisch und ein Gewirr von Trollen.

Trolle haben zudem auch eine ungeheure Liebe zur alten Welt. Alte Bräuche werden besonders gerne gepflegt. Ihnen kann man überall in Norwegen und auch in den Wäldern in Süddeutschland begegnen, bei einem Spaziergang im nebligen Wald oder am See, wenn sie die Fische von der Angel verscheuchen wollen, Aufpassen muss man auch bei einer Wanderung im Jotunheimen, wo der Riese Jotun zuhause ist. Er ist einer der Urtrolle der Urtrolle, ein steinalter, übergroßer mächtiger und weiser Troll, zudem immer wieder mal ein Troll geht, um sein Rat zu holen oder um seine Hilfe zu bitten.

So zum Beispiel hat er einigen Trollen empfohlen, wieder in die Städte einzuziehen und sich dort auszubreiten. In Konstanz, einer kleinen Stadt in Süddeutschland, wandern heute schon wieder zu einer bestimmten Zeit einige wenige Trolle im Rudel durch die dunklen Gassen und treiben dort ihr Unwesen. Wenn sie also das nächste mal durch die Wälder und Berge streifen, dann sollten sie sich daran erinnern, dass Trolle wahrscheinlich eher gutmütig und harmlos sind. Aber sehen sie sich vor!!


Wenn die Dämmerung hereinbricht, sind sie nicht mehr allein. Dann gibt es nur noch sie ..... und uns....... die Trolle
hahahahahaahahahahaaha